Mehrgeschossiges Mietwohnhaus mit Balkonen

Das Ertragswertverfahren einfach erklärt

Bei Mehrfamilienhäusern und Gewerbeimmobilien zählt, was die Immobilie dauerhaft einbringt. Das Ertragswertverfahren macht daraus einen Wert.

Foto: -wuppertaler, Wikimedia Commons, CC BY 4.0, zugeschnitten

Wann das Ertragswertverfahren angewendet wird

Immer dann, wenn Käufer eine Immobilie vor allem als Kapitalanlage sehen: bei Mehrfamilienhäusern, Wohn- und Geschäftshäusern, Büro- und Handelsimmobilien, Hallen und Hotels. Die ImmoWertV regelt das Verfahren in den §§ 27 ff. Neben dem allgemeinen Ertragswertverfahren, das den Boden getrennt behandelt, gibt es das vereinfachte Verfahren und das periodische Ertragswertverfahren, etwa bei Gewerbeimmobilien mit schwankenden Mieten.

Die Berechnung

  1. Rohertrag: die marktüblich erzielbare Jahresmiete (Nettokaltmiete). Liegen die tatsächlichen Mieten deutlich darüber oder darunter, wird das gesondert berücksichtigt.
  2. Bewirtschaftungskosten: Verwaltung, Instandhaltung und Mietausfallwagnis, soweit sie nicht auf Mieter umgelegt werden.
  3. Reinertrag: Rohertrag minus Bewirtschaftungskosten.
  4. Bodenwertverzinsung: Der Anteil des Reinertrags, der auf den Boden entfällt (Bodenwert × Liegenschaftszinssatz), wird abgezogen, denn der Boden nutzt sich nicht ab.
  5. Gebäudeertragswert: Der verbleibende Gebäudereinertrag wird über die Restnutzungsdauer mit dem Liegenschaftszinssatz kapitalisiert (Barwertfaktor).
  6. Ertragswert: Gebäudeertragswert + Bodenwert, anschließend Berücksichtigung besonderer Merkmale.

Vereinfachtes Beispiel: Mehrfamilienhaus mit 6 Wohnungen

PositionBetrag
Rohertrag: 420 m² × 8,00 €/m² × 1240.320 €
− Bewirtschaftungskosten (ca. 20 %)− 8.064 €
Reinertrag32.256 €
− Bodenwertverzinsung: 90.000 € × 3,5 %− 3.150 €
Gebäudereinertrag29.106 €
× Barwertfaktor (35 Jahre, 3,5 %) ≈ 20,0582.120 €
+ Bodenwert90.000 €
Ertragswert (gerundet)672.000 €

Alle Zahlen sind frei gewählt und dienen nur der Veranschaulichung.

Der Liegenschaftszinssatz: die entscheidende Stellschraube

Der Liegenschaftszinssatz zeigt, mit welcher Verzinsung Käufer am Markt für eine bestimmte Objektart rechnen. Er wird vom Gutachterausschuss aus Kaufpreisen abgeleitet. Schon ein halber Prozentpunkt Unterschied verändert den Wert erheblich. Deshalb muss er zur Region und zur Objektart passen. Im Beispiel oben:

LiegenschaftszinssatzErtragswert
3,0 %≈ 725.000 €
3,5 %≈ 672.000 €
4,0 %≈ 625.000 €

Gleiche Annahmen wie im Beispiel, nur der Zinssatz ändert sich. Mehr dazu: Liegenschaftszins und Marktanpassung.

Restnutzungsdauer und Modernisierung

Die Restnutzungsdauer ist die Zeit, in der das Gebäude noch wirtschaftlich genutzt werden kann. Sie ergibt sich aus dem Baujahr und aus Modernisierungen. Wer Heizung, Dach, Fenster und Leitungen erneuert hat, verlängert sie. Das erhöht den Barwertfaktor und damit den Wert. Details im Beitrag Restnutzungsdauer und Modernisierung.

Ertragswert, Sachwert oder Vergleichswert: Welches Verfahren wann?

Die ImmoWertV kennt drei Verfahren. Welches gilt, richtet sich danach, wie der Markt das Objekt preist. Ein Verfahren allein genügt selten. In der Regel wird das Ergebnis mit einem zweiten Verfahren oder mit Marktdaten gegengeprüft.

VerfahrenTypische ObjekteGrundidee
ErtragswertverfahrenMehrfamilienhäuser, Geschäftshäuser, Büros, Hallen, HotelsWert folgt aus den nachhaltig erzielbaren Erträgen
SachwertverfahrenEin- und Zweifamilienhäuser, eigengenutzte GebäudeWert folgt aus Bodenwert und Herstellungskosten, angepasst an den Markt
VergleichswertverfahrenEigentumswohnungen, Reihenhäuser, GrundstückeWert folgt aus Preisen vergleichbarer Verkäufe

Ertragswert bei Gewerbeimmobilien

Bei Gewerbeimmobilien ist das Ertragswertverfahren fast immer das maßgebliche Verfahren. Die Rechnung ist dieselbe wie bei einem Mehrfamilienhaus, aber die Annahmen sind schwieriger: Mietverträge laufen unterschiedlich lang, Mieter haben unterschiedliche Bonität, und Leerstand wirkt stärker. Außerdem gibt es keine Mietspiegel wie im Wohnbereich, die marktübliche Miete muss aus Vergleichsmieten abgeleitet werden. Für Gewerbeobjekte lohnt deshalb der Blick in die Spezialratgeber:

Typische Fehler bei der Ertragswertrechnung

  • Tatsächliche statt marktübliche Miete: Wer nur die Ist-Miete ansetzt, übersieht, ob sie dauerhaft haltbar ist.
  • Zu niedrige Bewirtschaftungskosten: Vergessene Instandhaltung oder zu geringes Mietausfallwagnis lassen den Ertrag zu hoch erscheinen.
  • Falscher Liegenschaftszins: Er muss zur Objektart und Region passen, siehe Liegenschaftszins und Marktanpassung.
  • Restnutzungsdauer zu lang angesetzt: Modernisierungen verlängern sie nur im belegten Umfang.
  • Bodenwert vergessen: Der Boden wird getrennt verzinst und nicht abgeschrieben.
  • Online-Rechner als Ersatz: Sie nutzen Durchschnittswerte, keine objektbezogenen Annahmen. Wann das genügt und wann nicht, erklärt Online-Bewertung oder Gutachten.

Kontrolle mit dem Kaufpreisfaktor

Als Plausibilitätsprüfung eignet sich der Kaufpreisfaktor, also das Verhältnis von Kaufpreis zur Jahresnettokaltmiete. Er zeigt, wie viele Jahresmieten der Markt für eine Objektart zahlt. Weicht er stark von den Werten im Markt ab, lohnt eine Prüfung der Annahmen. Mehr dazu in Kaufpreisfaktor und im Ratgeber Kaufpreisfaktor und Rendite.

Was wir in der Praxis prüfen

  • Mietverträge, Mieterliste und Mietentwicklung
  • Abweichung zwischen tatsächlicher und marktüblicher Miete
  • Leerstand, Fluktuation und Zustand der Wohnungen
  • Nicht umlagefähige Kosten, Rücklagen und anstehende Instandsetzungen
  • Zukünftige Entwicklung der Lage

Mehr zur Anwendung bei Mehrfamilienhäusern und Gewerbeimmobilien.

Fragen zu Ihrem Fall? Wir sagen Ihnen ehrlich am Telefon, was nötig ist: 09605 / 66 92 588 oder Anfrage senden.

Zum Ausprobieren: Mit dem Ertragswert-Rechner berechnen Sie einen vorläufigen Ertragswert für eine Gewerbeimmobilie und sehen, wie stark Liegenschaftszins und Restnutzungsdauer wirken.

Häufige Fragen

Welche Miete wird angesetzt, die tatsächliche oder die marktübliche?
Grundlage ist die marktüblich erzielbare Miete. Weichen die tatsächlichen Mieten dauerhaft davon ab, etwa durch langfristige Verträge, wird der Unterschied als besonderes Merkmal berücksichtigt.
Warum ist der Ertragswert oft niedriger als die Summe der Wohnungspreise?
Weil Käufer eines ganzen Hauses mit Rendite rechnen, während Käufer einzelner Wohnungen oft Eigennutzer sind und mehr zahlen. Deshalb kommt es auf das passende Verfahren an.
Wer legt den Liegenschaftszinssatz fest?
Er wird in der Regel vom örtlichen Gutachterausschuss aus tatsächlichen Verkäufen abgeleitet. Fehlen regionale Daten, nutzen wir überregionale Werte und begründen die Wahl im Gutachten.
Was sind Bewirtschaftungskosten?
Verwaltungskosten, Instandhaltungskosten und das Mietausfallwagnis, soweit sie nicht auf Mieter umgelegt werden. Sie mindern den Rohertrag.
Kann ich das Ertragswertverfahren selbst anwenden?
Das Grundprinzip ja. Für ein belastbares Ergebnis fehlen aber meist Liegenschaftszinssatz, Restnutzungsdauer und Bodenwert. Die haben großen Einfluss auf das Ergebnis.
Reicht für das Finanzamt ein Kurzgutachten im Ertragswertverfahren?
Nein. Gegenüber dem Finanzamt zählt nur das vollständige Verkehrswertgutachten mit Besichtigung und nachprüfbarer Dokumentation.
Wann ist das Ertragswertverfahren das richtige Verfahren?
Wenn Käufer die Immobilie vor allem wegen der Erträge erwerben, also bei vermieteten Wohn- und Gewerbeobjekten. Bei selbst genutzten Einfamilienhäusern ist das Sachwertverfahren üblich.
Gibt es das Ertragswertverfahren auch für Gewerbeimmobilien?
Ja, und dort ist es meist das wichtigste Verfahren. Entscheidend sind Mietverträge, marktübliche Miete, Leerstand und die Restnutzungsdauer.
Kann ich den Ertragswert mit einer Formel selbst berechnen?
Den Rechenweg können Sie nachvollziehen. Die Annahmen dahinter, etwa Miete, Zins und Restnutzungsdauer, brauchen Marktdaten und Erfahrung. Für Nachweise gegenüber Gerichten, Banken und Finanzamt ist ein Verkehrswertgutachten nötig.

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Fachlich geprüft von Oliver Nitschke, zertifiziertem Sachverständigen für Immobilienbewertung (DIN EN ISO/IEC 17024). Dieser Beitrag ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung.

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